Enklave

Begehbare Skulptur

Vorrunde
Kunst-am-Bau-Wettbewerb Bundesministerium des Innern – Außenanlagen  
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung

abbildung1_642137„Enklave“ | Fotomontage missing icons

 

Ausstellung Bundesamt für Bauen und Raumwesen | Berlin  2017
Entwurf 2016

Wettbewerb

 

Das Bundesministerium des Innern ist eine Enklave im eigenen Land. Es wird durch den 2,4 Meter hohen Designzaun „Moabit“ vom umgebenden Stadtraum abgetrennt. „Moabit“ verdeutlicht die Ambivalenz der europäischen Sehnsucht nach offenen
Grenzen: Aus einem günstigen Blickwinkel betrachtet gibt sich der Zaun nahezu unsichtbar, kommt man allerdings näher und blickt an ihm entlang, wird er opak und zeigt seine Undurchdringlichkeit. Durch die Vereinzelungsanlagen, zeitgenössische Varianten von Grenzstationen, gelangen ausschließlich diejenigen ins Innere, die sich als Mitarbeiter des Ministeriums ausweisen oder die eine gültige Einladung – ein Visum – vorweisen können.

Diese Maßnahmen schützen die Repräsentanten des Staates und behaupten doch Offenheit. Sie sind eine Folge der veränderten Vorstellung von Grenze, die sich spätestens mit der sukzessiven Aufhebung der stationären Grenzkontrollen innerhalb Europas ab Mitte der 1990er Jahre durchgesetzt hat. Wir träumen von einer grenzenlosen Welt, aber faktisch nehmen Grenzen und Kontrollen in allen Dimensionen zu. In der EU stehen jetzt Außen- und Binnengrenzen einander gegenüber. Während das – scheiternde – Schengen-Abkommen vorsieht, die EU-Außengrenze konventionell zu sichern und durch Abkommen mit vorgelagerten Drittstaaten für Nicht-EU-Bürger undurchdringlich zu machen, sind die Binnengrenzen vollkommen implodiert. Aus Grenzlinien sind in Zeit und Raum ausgedehnte Grenzgebiete geworden. An allen Bahnhöfen, Flughäfen, auf öffentlichen Plätzen und in urbanen Gefahrenzonen werden verschärft Personenkontrollen durchgeführt. Öffentliche (wie private) Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und biometrische Ausweise sollen innere Sicherheit garantieren. Auch wenn EU-Bürgern der europäische Raum grenzenlos und freizügig erscheint, bewegen sie sich tatsächlich durch eine vielfach real und digital grenzgesicherte Realität.

Die begehbare Skulptur Enklave macht dieses zeitgenössische Grenzdilemma in der eingegrenzten Außenanlage des Innenministeriums real erfahrbar. Durch Einstülpung der Ministeriums-außengrenze über einen der vorgegebenen Kunststandorte wird ein paradoxer Raum geschaffen: eine Enklave des Außen im Innen. Dazu wird der Zaun auf einer Länge von ca. fünf Metern geöffnet und beidseitig nach Innen umgelenkt. In einer schiefen, Wege, Wiesen und Bäume schneidenden Linienführung wird ein spitzwinkliger, bald verengter, dann sich weitender Raum in der Außenanlage des BMI abgezäunt, der nur von außen betretbar ist. Es entsteht eine Zeit-Raum-Faltung. Die aufeinander zulaufenden und sich öffnenden Schrägen der Enklave erinnern zudem an Sehkegel oder Sichtfelder.

Beim Gang um das Ausgegrenzte herum, bei dem man von innerhalb der Ministeriumsgrenze ins eingestülpte Außen blickt, ebenso wie beim Eintritt von Außen, von der Kastanienallee aus in die Enklave, wird die Ambivalenz von Grenzziehungen wie von Grenzaufhebungen unmittelbar anschaulich. Jede Perspektive im paradoxen Grenzraum ist doppeldeutig. Beim Umgehen und Hineingehen erlebt man die Dialektik von Innen und Außen, die schwer erträgliche Wechselbedingtheit von Einschluss und Ausschluss und die letztliche Unumgänglichkeit von Grenzen. Es gibt keine Auflösung, keine einfache Lösung des Dilemmas.

Hinweis
Aufgrund des Entwurfs Enklave lud die Jury missing icons in die Endrunde des Wettbewerbs. Er wurde ebenfalls im Rahmen der Ausstellung zum Wettbewerb gezeigt, die 1.3. bis zum 15.3.2017 im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Berlin zu sehen war gezeigt. Wir mussten ihn wegen des strikten Sicherheitskonzepts des BMI aufgeben, das jede Veränderung des Zauns verbietet, und folgten dem Rat der Jury, einen Alternativentwurf einzureichen: „Innere Sicherheit. Fünf Gefahrenmuster“.

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„Enklave“ | Planzeichnung missing icons